Aus Zeitung, Kleister und ganz viel Leben: Zu Besuch bei Astrid Steegmüller
Auf den ersten Blick sind es Tiere aus Pappmaché. Auf den zweiten haben sie längst einen eigenen Charakter.
Da wird skeptisch geschaut, neugierig geguckt oder ziemlich selbstbewusst die Nase in den Raum gestreckt. Manche von Astrid Steegmüllers Viechern wirken, als hätten sie gerade etwas ausgefressen. Andere scheinen völlig mit sich und der Welt im Reinen zu sein.
Und wenn man erst einmal weiß, wer hinter diesen Plastiken steckt und wie sie entstehen, sieht man sie noch einmal anders.
Vier Kinder, 13 Enkel und eine große Nähe zur Natur
Astrid ist Mutter von vier Kindern und Großmutter von 13 Enkelkindern. Ein ziemlich volles Familienleben also.
Gleichzeitig spielte die Natur schon immer eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Als Walderzieherin verbrachte Astrid viel Zeit draußen und vermittelte Kindern einen Zugang zum Wald und seinen Bewohnern.
Vielleicht ist es deshalb gar nicht so überraschend, dass ausgerechnet Tiere irgendwann zu einem so wichtigen Teil ihrer künstlerischen Arbeit wurden.
Die Natur, das Beobachten und all die unterschiedlichen Charaktere, denen man dort begegnet, finden sich in ihren Arbeiten wieder.
Eine Liebe, die erst einmal warten musste
Pappmaché entdeckte Astrid schon vor rund 30 Jahren für sich.
Aber zwischen etwas entdecken und wirklich Zeit dafür haben liegt manchmal ein halbes Leben.
Da waren vier Kinder, Familie, Arbeit und all das, was jeden Tag eben so mit sich bringt. Das Pappmaché verschwand trotzdem nie ganz aus Astrids Leben.
Vor ungefähr zehn Jahren änderte sich etwas. Die Kinder waren aus dem Haus, Astrid ging in den Ruhestand – und plötzlich war da Raum.
Raum, um auszuprobieren. Um mit den Händen zu arbeiten. Um Dinge entstehen zu lassen, ohne dass sie einen anderen Zweck erfüllen mussten.
Seitdem arbeitet Astrid intensiv an ihren Plastiken.
Erst wird ganz genau hingeschaut
Bevor Astrid ein neues Viech baut, beschäftigt sie sich ausgiebig mit dem echten Tier.
Wie ist der Kopf geformt? Wo sitzen die Augen? Wie verläuft die Schnauze? Wie stehen die Ohren? Welche Proportionen machen eine Ziege unverkennbar zu einer Ziege und eine Kuh zu einer Kuh?
Dafür sammelt Astrid nicht einfach irgendwelche Vorlagen aus dem Internet.
Sie fährt raus und schaut selbst hin.
Auf Feldern fotografiert sie Kühe und Ziegen. Mit ihren Enkeln geht es in den Vogelpark, wo natürlich ebenfalls Bilder entstehen. Für ihre Fische sammelt sie Fotografien und studiert Formen, Körper und Details.
Denn bei aller Eigenwilligkeit sollen ihre Tiere dem echten Vorbild möglichst nahekommen.
Astrid beobachtet und studiert, bevor sie anfängt zu bauen.
Und erst dann kommt ihre eigene Prise dazu- das Tier bekommt eine Persönlichkeit.
Wenn aus alten Zeitungen eine Tierplastik wird
Das Erstaunliche an Astrids Arbeiten ist nicht nur, was am Ende vor einem steht.
Es ist auch die Art, wie es entsteht.
Denn unter den Köpfen und Figuren versteckt sich kein Drahtgestell und kein vorgefertigtes Gerüst. Astrid baut ihre Viecher aus einem Material, das bei den meisten von uns wahrscheinlich direkt im Altpapier landen würde:
alten Zeitungen.
Papier und Kleister. Mehr braucht es am Anfang nicht.
Astrid formt, knüllt, klebt und baut Schicht für Schicht. Langsam entsteht Volumen. Eine Schnauze schiebt sich nach vorne. Ohren wachsen. Eine Stirn bekommt ihre Form.
Und irgendwann passiert dieser eigenartige Moment, in dem der Stapel alter Zeitung kein Stapel Zeitung mehr ist.
Da schaut plötzlich jemand zurück.
Und dann verliebt man sich ausgerechnet in den einen
Kunst online auszusuchen ist eine eigenartige Sache.
Man kann Maße lesen, Fotos anschauen und überlegen, ob ein Werk über das Sofa, in den Flur oder an diese eine Wand passt, die schon viel zu lange leer ist.
Aber das allein ist selten der Grund, warum man Kunst kauft.
Man bleibt irgendwo hängen.
An einer Form. Einer Farbe. Einem Gesicht. Einer Geschichte.
Und plötzlich ist eines von Astrids Tieren nicht mehr einfach nur eines von vielen.
Es ist das da.
Vielleicht weil es einen zum Lachen bringt. Vielleicht erinnert es an jemanden. Vielleicht gefällt einem genau dieser leicht schräge Blick. Oder man kann überhaupt nicht erklären, warum man ausgerechnet dieses Tier immer wieder anschaut.
Muss man auch nicht.
Denn Kunst ist etwas Persönliches.
Und vielleicht macht es einen Unterschied, wenn du nicht nur das fertige Werk kennst, sondern auch die Frau, die erst Kühe auf der Weide fotografiert, mit ihren Enkeln Vögel beobachtet oder Bilder von Fischen sammelt – und später irgendwo zwischen alten Zeitungen, Kleister und Farbe daraus ihre ganz eigene Version entstehen lässt.
Dann kaufst du nicht einfach irgendeine Plastik für deine Wand.
Du nimmst ein kleines Stück ihrer Geschichte mit zu dir.
Und ziemlich sicher auch ein “Viech” mit Charakter.